Jugendreporter Raphael mischte sich unter die Streetkicker von kick it münchen

„Der Globus ist ein Fußball“

SuperTeamIch habe noch nie so viele Nationalitäten auf einem Fleck gesehen – als hätte man hier das berühmte Michael-Jackson-Video „Black or White" gedreht. Unter all den Kindern und Jugendlichen zwischen 7 und 20 Jahren entdecke ich Türken, Spanier, Mazedonier, Albaner, Palästinenser, Italiener, Russen und Afrikaner. Und ein paar Münchner. Sie alle verbindet die große Leidenschaft zum Fußball. Ihre Sprache ist kurz und prägnant. „Du Ball". Kapiert jeder, soll heißen: „Du bist dran, den Ball reinzuschießen". Keine Frage, Fußball ist mehr als ein Sport, vereint, macht Spaß und hilft, Schwächere mit zu integrieren. Und wenn einer von ihnen mal nicht so gut Deutsch kann, weiß man trotzdem, was er will. Man versteht sich auch ohne viele Worte. Der Globus ist ein Fußball, und Fußball ist alles! Ich weiß wovon ich spreche, schließlich war ich fast sechs Jahre Torwart beim FC Teutonia.
 

MatzehatallesimgriffFußball ist die Brücke zu allem
Jeden Freitag und Sonntag ab 14 Uhr treffen sich Kids und Teenies bei kick it münchen am Bolzplatz im Petuelpark. Mitmachen kann jeder beim Fußballprojekt des ICF München, denn es kostet gar nichts. Die Idee dazu hatte Matthias Heymann, der von allen liebevoll „Matze" genannt wird. Im Oktober 2009 konnte er seinen Traum wahr machen, und inzwischen hat er siebzehn ehrenamtliche Mitarbeiter um sich versammelt und an die hundert Fußballer jede Woche am Bolze. Petuelkicker nennt sich die Jungs- und Mädelstruppe. „Wir suchen uns Brennpunkte wie Milbertshofen mit Kindern und Jugendlichen, die in sozialen Brennpunkten leben, um ihnen eine Stütze und eine Anlaufstelle zu sein. Dafür schlägt mein Herz", erklärt uns Matthias Heymann, der seine Lizenz zum Fußballtrainer macht. Denn: „Fußball ist die Brücke zu allem, sozusagen die Eintrittskarte zu den Kindern und Jugendlichen, denn die beliebteste Sportart Deutschlands macht nicht nur Spaß, sondern bringt auch die Menschen zusammen."

Runter von der Couch und ab aufs Feld
Aber – auch das wird mir im Gespräch mit „Matze" klar - geht es in erster Linie nicht nur darum, Tore zu schießen. Kicken steht auch für Teamgeist, schafft Freundschaften, und hält von Fernseher, Computer und Konsolen fern. Gemeinschaft erleben, eigene Stärken und neue Perspektiven erkennen und den Umgang mit anderen Kulturen lernen, das ist die Idee. Dass das alles nicht immer reibungslos läuft, weiß „Matzes" Kollegin Alexandra „Alex" Annaberger nur allzu gut: „Am Bolzplatz geht es oft heiß her, viele Jungs kommen mit Aggressionen an, kicken dann wie die Weltmeister und lassen Dampf ab. Für uns ist es ganz wichtig, den Kindern Respekt beizubringen und nicht zu foulen oder die Aggressionen an anderen auszulassen. Unser Wunsch ist es, dass sie bei uns Werte lernen, wie: Zusammenhalt und Rücksichtnahme."

KenzoOhne Spenden läuft gar nix
Nach dem Spiel gibt’s Wasser und Apfelschorle für alle, natürlich kostenlos. Damit das aber auch so bleibt - überhaupt das ganze Projekt weiterleben kann - sind sie auf Spenden angewiesen. Zu den Sponsoren zählen unter anderem HOWE, Knorrbremse, Gutscheine.biz, Bäcker Ratschiller, open heaven und valueClick. Neu hinzugekommen sind noch Wolfra Säfte, minibar münchen, Afri Cola und Adelholzener. „Alex" fügt hinzu: „Einige der ehrenamtlichen Mitarbeiter haben auch aus ihrer eigenen Tasche Geld investiert." Auch für den Umzug während der Winterspielzeit in der SoccArena im Olympiapark haben sie Unterstützung bekommen: Bis April konnten sie dort schon zweimal wöchentlich die Plätze reservieren. Dennoch: Es werden noch ganz dringend weitere Spender gesucht, zum Beispiel auch für einen Teambus, um die Spieler zu den Turnieren in ganz München zu bringen. Kurz und gut: 6.000 Euro werden noch benötigt, Spendenkonto siehe unten! Alex: „Derzeit gehen wir nur noch mit den Kindern der mittleren Altersstufe freitags für zwei Stunden in die SoccArena." Und sie haben noch viel vor: „Wir wollen zudem dieses Jahr eine Location fest in Milbertshofen anmieten. Unser Ziel ist es, noch mehr Bundesliga-Spiele mit den Kids gemeinsam zu schauen." Egal, ob Kickern, Air Hockey oder Playstation - für die kleinen Besucher bedeutet es auf jeden Fall, Gemeinschaft zu erleben. Nicht zu vergessen die Seminarräume für das Bildungsangebot „get it münchen", bei dem die Kinder jetzt schon kostenlose Nachhilfe bekommen. „Es soll ein Rückzugsort sein, wohingegen es am Bolzer ja oft heiß hergeht", lächelt Alex. Auch dabei freut sich das Team über jede finanzielle Unterstützung.

Auch die Girls haben Fun
Gizem+MeritaAlexandra Annaberger, sie ist cool und sehr beliebt, ist Personal Trainerin und hauptsächlich für die Mädchen zuständig. So kümmert sie sich neben Fußball auch um Girlie-Entertainment wie Kino- oder Musicalbesuche. Aber gute Kicker erkennt sie immer sofort. Viele spielen so hammerartig gut Fußball, dass sie hofft, ein Scout vom FC Bayern würde mal zum Zusehen kommen und nach neuen Talenten Ausschau halten. „Ich habe noch nie so viele Ballkünstler und -künstlerinnen auf einem Haufen gesehen", lacht sie. Stimmt, viele der Kinder mit Migrationshintergrund sind nicht nur wirklich richtig nett sondern auch gute Kicker. Die meisten hier spielen sogar viiiiel besser als die aus meinem Fußballverein.
Einer der ganz, ganz guten Streetkicker ist Utku Bahadir, das muss sogar ich zugeben. Der Deutsch-Türke träumt von einer Karriere à la Hamit Altintop. „Ach, ist er nicht süß", schwärmt ein Mädel auf der Bank. Einen Fanclub hat der also auch schon! Utku lächelt. Und trifft jeden Ball, seine Schüsse sind hart wie Stahl. Auch Joey, Lirjan und Kenzo trainieren jeden Tag auf dem Bolze, egal bei welchem Wetter. Nicht mal Regen oder Schnee können sie nicht davon abhalten, ihrem Traum ein Stück näher zu kommen und das ganz große Geld zu machen...


KrankenschwestermitKids Kicken für den Catwalk…
Die 11-jährige Jenny aus dem Kosovo ist seit über einem Jahr dabei. „Fußball ist auch was für Mädchen", sagt sie selbstbewusst. „Man trifft nette Leute, hat viel Bewegung und kann zeigen, wie gut man ist." Als sie nach Milbertshofen gezogen ist, kannte sie noch keinen Menschen und war sehr traurig. Dann entdeckte sie kick it münchen: „Vor allem die großen Mädchen haben mir so geholfen, sie sind toll und meine Freundinnen". Jenny: „Manchmal spielen wir auch Topmodel neben dem Bolzplatz." Ah, der Bolze als Catwalk. Und da gibt es auch schon mal Zickenkrieg, gerade unter den Älteren, „aber das ist alles nur wegen der Jungs", weiß Jenny. Aha. Auch Gizem, 13, ist bei den von „Alex" ins Leben gerufenen Petuelkicker Girls, zu denen auch Merita, Danijela, Sahra, Betina, Marina, Ardita und Vlora gehören. Coole Girls, die gerne Straßenfußball spielen oder auch schon mal flirten. „Süüüß", zwitschern die Mädels auf den Zuschauerbänken, wenn ihnen einer der Spieler gut gefällt. – „Endigst cool, die Alte", loben hingegen die Jungs. Das alte Spiel eben. Auch darüber hinaus sind alle viele befreundet – und chatten und verabreden sich im Facebook.

UtkuChampion … oder gegen Aggressionen
„Wenn ich eine schlechte Note in der Schule bekomme, muss ich erst einmal meine Wut am Ball auslassen", erklärt die schon sehr hübsche Gizem. Und so ein Fußball ist ja sooo geduldig...
Auch Merita, 14, ist immer dabei. "Seit über vier Jahren ist Fußball meine Welt", schwärmt sie. „Es ist voll krass, den Jungs Konkurrenz zu machen, mit ihnen mitzuhalten." Nur wenige Mädels gibt es, die gleich stark wie die Jungs sind. Merita ist eine von ihnen, sie trainiert hart und zeigt den männlichen Spielern gern die rote Karte. „Was die können, kann ich schon lange"…
Bei kick it münchen wird übrigens nicht nur gekickt: Es ist eine gaanz große Fußballwelt, in die die Familien mit einbezogen werden. Ganz wichtig dabei sind auch die Gespräche mit den jungen Menschen. Bei Problemen in der Schule gibt’s Nachhilfe, sogar eine eigene „get it münchen" Sprachschule gibt es inzwischen. Und wenn es zu Hause mal kracht, gehen „Alex" oder „Matze" sogar zu den Eltern und versuchen zu schlichten. Sie haben immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Kids, sogar bei Liebeskummer.

Zusammen sind wir stark!
„Unser Ziel ist es, dass die Kids und Jugendlichen langfristig in eine Gesellschaft integriert werden, die auf den Werten Nächstenliebe, Glaube und Hoffnung basiert", sagt Matthias Heymann. Er setzt auf Ehrlichkeit und Natürlichkeit im Umgang mit den Kindern und freut sich, wenn sie wieder kommen. Ihr Ziel: „Wir wollen in naher Zukunft alle Bolzplätze der Viertel AndreasMatzeAlex mit hoher Integrationsrate erobern", erklärt Alexandra Annaberger. Warum sie so beliebt ist? Weil sie keine Vorurteile hat, egal was passiert. Ein gaanz tolles Konzept, gefällt mir gut, kann man nur unterstützen! Auch wenn manche nur kommen, um ein kostenloses Getränk zu erhalten, aber es wird auf jeden Fall gespürt wie nett hier alle sind! Und vielleicht fühlt man sich gut aufgehoben und findet sogar neue Freunde. Klar, es geht nicht immer friedlich zu – kommt es mal zum Streit, dann meistens unter den verschiedenen Ausländern. Wird es zu doll, greift „Matze" ein, verweist auch schon mal jemanden vom Platz, wenn es sein muss. Schließlich möchte er den Kindern Wertschätzung und Respekt beibringen. Aber er steht nie mit erhobenem Zeigefinger da, und er wird als einer von ihnen akzeptiert. Genau wie „Alex". Wichtigste Regel: Fußball macht stark fürs Leben, und Gemeinschaft versetzt Berge. Jeder wird hier respektiert und angenommen wie er ist. „Matze" und „Alex" haben einen guten Blick für die jeweiligen Stärken, die aufgebaut werden. Bei ihnen können Kinder noch Kinder sein und keiner trampelt auf ihren Schwächen herum. Übrigens bin ich nie so oft gelobt worden wie an einem einzigen Nachmittag bei kick it münchen – von „Matze", aber auch von den anderen Kids. Und ich kann nur sagen: Sowas baut total auf, steigert das Adrenalin, oder wie das heißt, und spornt einen zu Höchstleistungen an.

München soll ausländerfreundlicher werden, das Team von kick it münchen setzt sich für ein besseres Miteinander ein! Damit alles optimal weiter läuft, kann das Team jede Unterstützung gebrauchen – so hofft es auf weitere Sponsoren, besonders für einen Kleinbus und eine mobile Soccer-Arena.
Denn eines weiß kick it münchen ganz sicher: „Wer einmal bei uns war, kommt in der Regel wieder."
Stimmt, auch ich möchte nur zu gern einer von ihnen sein...
Mehr Infos: www.kickit-muenchen.de

Spendenkonto
ICF München e.V.
Evang. Kreditgenossenschaft eG
Kontonummer: 403405222
BLZ: 52060410

Text: Jugendreporter Raphael
Protokoll: Daniela Schwan

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