'theater … und so fort' übertrifft sich selbst und trifft ins Mark!

“Ich hab die Unschuld KOTZEN sehen” – Autor: Dirk Bernemann, Regie: Heiko Dietz


Foto: Paul Meschuh

Derart erregt haben wir Regina und Benny wohl selten diskutieren sehen, jedenfalls nicht öffentlich. Nach der aufwühlenden Aufführung in der kleinen und feinen Bar im Kellergewölbe des ‘theater …und so fort’ in der Kurfürstenstr. 8, 80799 München, liefert sich das Paar einen regen Schlagabtausch, wie das wohl vor der heimischen Glotze eher selten vorkäme.

Benny: "Ich hätte es wissen müssen, als Du von einem Überraschungsgeschenk zu meinem 40. Geburtstag sprachst und so geheimnisvoll getan hast. Schon bei der Programmankündigung wäre mir fast schlecht geworden, und nur Deinetwegen bin ich nicht viel eher entsetzt herausgerannt.”
Regina: ”Hätte ich Dir etwa verraten sollen, dass Du hier eine so abgrundtiefe und geniale Umsetzung des Buches 'Ich hab die Unschuld KOTZEN sehen' erleben würdest, das schon seit Monaten ungelesen und umgedreht auf Deinem Nachttisch liegt?”
Benny: "Da habe ich einmal reingeschaut und den Titel fast sofort in die Tat umgesetzt. Ein deutscher Charles Bukowski kommt mir nicht in mein Seelenhaus. Und auch mit Tarantinos

Foto: Paul Meschuh

 ‘Pulp Fiction’, in den Du mich zum 30. Geburtstag heimtückisch reingezerrt hast, hat mich nur mit Furcht und Abscheu erfüllt. Das Einzige, was mir da gefallen hat, war die intelligente, szenische Verknüpfung – jede Story hatte was mit der nächsten oder vorangegangenen zu tun. So wurden die Charaktere gleichermaßen an- und dann aufgerissen. Und es ergab so etwas wie ein großes, allerdings mich abstoßendes Ganzes.”
Regina: "Aber genau das hat sich doch hier auch so abgespielt – Anziehung, Abwehr, Zulassen, Angeben, Aufgeben. Weiterleben. Der Autor Dirk Bernemann war des Lobes voll, weil der Regisseur Heiko Dietz seine Vorlage so kongenial, wenn auch geschickt gekürzt, umgesetzt hat. Und mitgespielt hat er selbst auch. Das ist doch eine Leistung, die du nicht abstreiten kannst – du penibler Strukturalist.”
Ein großartiges Ensemble

Ein großartiges Ensemble

Foto: Paul Meschuh

Benny: "Tue ich auch nicht – das berühmte Kopfkino meinst du doch sicher? Okay, das hat bei mir leider bestens funktioniert! Und die Schauspieler waren ja auch echt überzeugend und körperlich so agil – die eine ganz Junge saß fast auf meinem Schoß, während sie ihre innere rastlose Einsamkeit wie eine Maschinengewehrsalve ins Publikum abfeuerte. Aber muss ich mich denn wirklich so intensiv einlassen auf Gewalt, Blut, Splatter, dumpfen Sex, Fäkalsprache, Einsamkeit und Tod?”
Regina: "Ja, weil du zu sehr dazu neigst, alles durch deine bescheuerte rosarote Brille zu sehen. Den Rest der Welt, der ganzen Gesellschaft negierst du einfach, so gut es geht, oder? Und sogar da sind sie Dir entgegengekommen, denn weder physische Brutalität noch Körperflüssigkeiten irgendwelcher Art waren auf der Bühne zu sehen. Du hast ganz Recht – da sind dir Dein Herz und Hirn zuvorgekommen…

Foto: Paul Meschuh

Willkommen in der Realität, kleiner Träumer von einer schönen, neuen Welt!”
Benny: "Wenn da nicht ebenso ein ironisch überzogener Unterton in etlichen Szenen gewesen wäre, der mich gelegentlich an Woody Allen erinnert hat, könnte ich mich angesichts dieser verzweifelten, ausgegrenzten und zynischen Figuren ja gleich umbringen! Andererseits werde ich meine positive Grundhaltung niemals ändern – wenn du mich als schöngeistigen Gegenpol denn ertragen kannst…?”
Regina: "Was haben wir nicht schon alles miteinander ertragen – trotz oder wegen unserer vermeintlich gegensätzlichen Grundströmungen? Fühlst du dich denn nie ausnahmsweise orientierungslos? Sind wir nicht beide Sensibelchen – sonst würden wir ja nur noch als Couch-Potatoes vor der "Scripted Reality” dahinvegetieren

Foto: Paul Meschuh

 – ist nicht so eine geile Live-Show mit echten Menschen viel attackierender? Haben wir nicht so Einiges miteinander geteilt – Gutes und Böses?”
Benny: "Nun werde nicht gleich pathetisch – gone with the wind! Mir ist der künstlerische Anspruch durchaus bewusst. Nicht umsonst bekommt das 'theater … und so fort' regelmäßig Förderungsbeiträge von der Stadt München – und auch in diesem Fall zurecht, denn hier sind Könner am Werk. Dramaturgie und Qualität stimmen! Habe ich alles schon nachgelesen, claro! Ich kann wohl manchmal die Konfrontation mit meiner eigenen Unzulänglichkeit nicht stemmen, und wieder wird mir das Einschlafen schwer fallen...”
Regina: "Es ist wie in einen Zerrspiegel schauen, aber der bleibt doch ein Spiegel…Naja, dann machen wir jetzt einen Deal, Schatzi?”

Foto: Paul Meschuh

Benny: "Ich befürchte Schlimmeres als den heutigen Abend?”
Regina: "Viel schlimmer – im Oktober werde ich 40. Und dafür bereiten der Dirk Bernemann, der Heiko Dietz und dieses tolle Ensemble bereits eine Fortsetzung vor…das wünsche ich mir von Dir – und einen Strauß blutroter Rosen!”

"Neiiiiiiiiiiin!!!!!!!!!!!!”

Das 'theater … und so fort' zeigt das polarisierende Stück "Ich hab die Unschuld KOTZEN sehen” noch am 4. und 5. Mai. Und ganz sicher gibt es noch mehr Stoff dieser Art im Herbst…!   

Text: Andreas Radau
Fotos: Paul Meschuh

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