Gotlind Timmermanns malt lyrische Abstraktionen

Die Farbmagierin

fgdffIhre Bilder sind wie flüchtige Traumsequenzen, ein Farbenrausch in Grün oder Rot, aufgetaucht wie ein verschwommener Gedanke. Manchmal glaubt man Bäume in den Farbmischungen zu erkennen, oder auch blühende Zweige, manchmal scheinen sich Landschaften oder Wasserspiegelungen zu formen. Wie Vexierbilder erzählen die großformatigen Gemälde immer mehr Geschichten, je länger man sie betrachtet. Sie heißen schlicht „rotstufen" oder „maigrün" oder „rondello pinkocker". 

Der Schlüssel zu Gotlind Timmermanns’ Bildern? Sie entstehen auf dem Boden, und wenn die Künstlerin dann Farbe darauf tropfen lässt, vermischen und verlaufen sich die Farben im eigenen Rhythmus. Wir treffen Gotlind Timmermanns in ihrem Studio, das sie sich in den DomagkAteliers in Münchens Stadtteil Schwabing-Freimann eingerichtet hat. Und wollen wissen, wie sie ihre außergewöhnliche Technik entwickelt hat, was die Kunst ihr bedeutet, und was eigentlich das Geheimnis jenes grünen Leuchtens ist, von dem Jules Verne einst behauptet hat, dass es keinem Maler je gelingen würde, es festzuhalten? 

Schütten statt pinseln

fgfdfgddfSchön, dass Sie sich Zeit für uns nehmen, Gotlind. Ihre Bilder haben eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte - verraten Sie mehr darüber?
Gotlind Timmermanns: „Es ist ein sehr langwieriger Prozess, bis sie so aussehen, wie ich es mir vorstelle. Die Bilder liegen am Boden, und zunächst bearbeite ich sie mit sehr verdünnten Schichten Ölfarbe. Diese Farben reibe ich mit Leinöl und Pigmenten an, denn dadurch kann ich die Viskosität, also die Zähflüssigkeit, selbst festlegen. Dann schütte oder tropfe ich die Farbe auf. Um transparent durchscheinende Schichten zu erzielen, nehme ich die Farbe oft wieder mit einem Gummirakel, einem speziellen Werkzeug zum Abstreichen, weg. Durch diese Technik bekommt die Farbe eine Tiefenwirkung. Dann kippe ich die Leinwand in verschiedene Richtungen, so dass sich Verwebungen und Strukturen bilden. Auf diese Weise entstehen Bilder, die aus der Farbe wachsen, ein Bildraum, der eine Assoziation zu Wald erzeugt. Abstrakte Farbklänge, die auch in ihren Bildtiteln mit weiteren metaphorischen Ebenen spielen. Zum Beispiel ‚Weißglut’, wo ich versucht habe, mit Farben das Weiß zum Glühen zu bringen, wie ein Metall. Oder ‚Grünes Leuchten’... 

                   Unmalbares auf Leinwand bannen 

Genau, das „Grüne Leuchten", das sogar etwas Mystisches umgibt – was hat es damit auf sich?
Gotlind Timmermanns: „Ich habe versucht, das zu malen, was Jules Verne an un-malbar betrachtet hat. In seinem Roman „Das grüne Leuchten" beschrieb er es als ein ‚Grün, das kein Maler auf seine Palette bekommen kann, ein Grün, das die Natur nirgendwo sonst mehr hervorgebracht hat, weder in der Farbenvielfalt der Pflanzen noch in der Farbe der klarsten Meere! Gibt es ein Grün im Paradies, dann kann es kein anderes als dieses Grün sein, das wahre Grün der Hoffnung.’ "
Und was ist das für ein Grün?
Gotlind Timmermanns: „Das ist ein Farbphänomen am Himmel. Für einen ganz kurzen Augenblick, meist nur für den Bruchteil einer Sekunde, blitzt beim Sonnenuntergang am Meer über der Sonne ein grüner Lichtschein auf. Das ist eine sehr selten und schwer zu beobachtende Naturerscheinung. Darum rankt sich der Mythos vom wahren Glück, das dem zuteil wird, der es sieht. Man wird es niemals vergessen und wird sich, so verspricht es die Legende, fortan in Herzensangelegenheiten nicht mehr irren."  

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Gotlind Timmermanns liebt Grüntöne

Schön! Ich hoffe, das gilt auch, wenn man Ihre Bilder betrachtet. Wie kamen Sie eigentlich zur Malerei? 
Gotlind Timmermanns: „Ich komme aus einer Familie, in der immer etwas Kreatives gemacht wurde. Musik, Malen, Kunsthandwerk. Von klein auf war ich daran gewöhnt, mit fünf habe ich mit Geige angefangen. Außerdem war ich mit meinen Eltern und Brüdern immer viel in Museen. Es hat sich dann so ergeben, dass ich immer viel gezeichnet und gemalt habe. Meinen ersten Kinder-Malwettbewerb habe ich dann als Sechsjährige gewonnen: Man musste ein Blatt ausmalen mit Schwänen im Wasser. Der Preis war ein Kasten Mineralwasser." 

Ihre erste Auszeichnung: ein Kasten Wasser 

erefgtfEin Kasten Wasser für ein Kind? Gut, dass Sie sich mittlerweile als Künstlerin etabliert haben. Was bedeutet die Kunst für Sie?
Gotlind Timmermanns: „Kunst ist sehr wichtig, für alle Menschen. Viele Vorstellungen, die wir uns von etwas machen, besonders auch von Vergangenem, sind durch Bilder bestimmt. Bilder können etwas ausdrücken und vermitteln, das mit Worten nicht möglich ist. Und Kunst kann im Betrachter etwas in Bewegung setzen. Die andere Seite ist das Leben als Künstler. Man braucht Zeit, um die Arbeiten zu entwickeln. Und der Künstler muss sich herausnehmen, auch an etwas zu arbeiten, was er noch nicht kann, woran er eventuell scheitert. Als Künstler braucht man einen Arbeitsraum, ein Umfeld, mit dem man sich austauschen kann, und Plattformen, um seine Arbeiten zu zeigen."  

Die Münchnerin zählt bereits zur Kunst-Elite

fgdgssfsfDie beste Plattform sind doch sicherlich Galerien, oder?
Gotlind Timmermanns: „Es ist hilfreich, von einer Galerie vertreten zu werden, die die Kunstwerke in Einzelausstellungen und auf Kunstmessen zeigt. Hier in München bin ich bei der Galerie an der Pinakothek der Moderne, in Hamburg bei galerie holzhauer. Momentan sind gerade etliche Arbeiten in Hong Kong bei der Artfinger Gallery, in der es im Laufe dieses Jahres noch eine Ausstellung geben wird. Ende September wird die Gruppenausstellung „Waldeslust" in der whiteBOX, Kultfabrik eröffnet und bis Ende Oktober zu sehen sein."


Einst Europas größte Künstlerkolonie ...


fghcghcgIhr Studio gehört zu den Domagkateliers – ein gutes Umfeld, um sich auszutauschen?
Gotlind Timmermanns: „Oh ja. Es war Europas größte Künstlerkolonie. In der stärksten Phase gab es hier 350 Kunstschaffende aus 36 Nationen. Dadurch ist es jetzt selbst als Münchens größtes städtisches Atelierhaus mit über 100 Ateliers immer noch ein besonderer Ort für die Kunstproduktion, denn man kann sich mit Kollegen aus vielen verschiedenen Arbeitsbereichen und Herkunftsländern austauschen, kann Meinungen zu den eigenen Arbeiten hören, bekommt mit, was die anderen schaffen, wo sie ausstellen, was sie für Erfahrungen machen."

                   Motto: Nie nach Kunsttrends richten!

Wie lange arbeiten Sie schon dort?
Gotlind Timmermanns: „Auf dem Gelände der DomagkAteliers bin ich seit 2003 und schon viermal umgezogen. Mein Mietvertrag hier im renovierten Haus 50 besteht seit April 2009 und läuft fünf Jahre. Anschließend kann man sich aber nochmal bewerben."
Man muss sich für ein Atelier bewerben?
Gotlind Timmermanns: „Ja. Die Künstler mussten sich mit ihrer Mappe beim Kulturreferat bewerben, und es gab ein Auswahlverfahren durch die Kommission der Atelierförderung. Für die DomagkAteliers wurde die Belegung etwas modifiziert, denn nach Stadtratsbeschluss sollte der Charakter der DomagkAteliers mit Musikern und anderen Künstlern verschiedenster Ausrichtung und Alter erhalten bleiben. Ich kann hier sehr gut arbeiten, mein Atelier ist 7,6 Meter hoch und kostet ungefähr 10 Euro pro Quadratmeter warm."

ffgsfgSie gehören zu den wenigen Künstlern dort, die von ihrer Kunst leben und ihre kleine Familie mit zwei Kindern ernähren können. Respekt. Aber Sie leben auch durch die Kunst?
Gotlind Timmermanns: „Ja, die Resonanz bei einem fachkundigen Publikum ist erfreulich. Ich habe mich nie nach Trends oder dem Kunstmarkt gerichtet und immer versucht echt und authentisch zu arbeiten. Ich male um Erlebtes zu verarbeiten und umzusetzen aber auch um etwas zu erkennen und Neues auszuprobieren. Und weil ich malen muss. Wenn ich mal einen Tag nicht in meinem Atelier bin, fehlt mir was, und ich werde unruhig."
Text: Jutta Bök
Fotos: Heidi Hitzbleck, Gotlind Timmermanns

About Gotlind Timmermanns
Gotlind Timmermanns, 1963 in Quierschied im Herzen des Saarlandes geboren und in der Nähe von Landsberg aufgewachsen, begann 1983 ihr Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München. 1990 schloss sie es mit dem Diplom ab. Seitdem sind ihre Arbeiten deutschlandweit und international in Ausstellungen zu sehen. Aber nicht nur die Malerei fasziniert sie, Zusammen mit Helga Pogatschar und Michaela Rotsch gründete Gotlind Timmermanns die Gruppe Lux und beschäftigte sich auch mit Videokunst, besuchte 1996 außerdem einen Kurs als Digital Media Designer und beschäftigte sich 1999 mit dem Forschungsprojekt „Moderne Kunst und Multimedia" am Institut für Kunstgeschichte der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Darüber hinaus arbeitet sie als Kuratorin für verschiedene Ausstellungen. Ihre Arbeit ist preisgekrönt: So erhielt sie u.a. den Kulturförderpreis der Stadt Landsberg am Lech und ein Stipendium des bayerischen Kultusministeriums nach dem Hochschulsonderprogramm. Sie gilt als „Farbmagierin", so urteilen Fachleute über ihre Kunst: „Aus dem Aufbau von Atmosphäre und Metaphorik im Zusammenspiel mit der Abstraktion beziehen Timmermanns Bilder ihre Spannung." Oder: „Gotlind Timmermanns konstruiert in ihren Bildern farbige Tiefenräume. Neben den spannungsvollen Kompositionen ist die poetische Offenheit eine besondere Qualität ihrer Malerei". Ihre Werke sind unter anderem in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen vertreten, ebenso im Neuen Stadtmuseum Landsberg. Darüber hinaus hatte Gotlind Timmermanns bereits zahlreiche Ausstellungen, darunter Dresden, Frankfurt, Hamburg, Prag, Hong Kong und Italien. www.gotlind-timmermanns.de  


About DomagkAteliers
Die DomagkAteliers im Norden Münchens, im Stadtteil Schwabing-Freimann, gelten als einzigartige, einst größte Künstlerkolonie Europas, deren Entstehungsgeschichte Anfang der 90-er Jahre ihren Lauf nahm. Das riesige, rund 24 Hektar große Areal fungierte ab 1912 zunächst als Königlich-Bayerischer Golfplatz, bis dort kurz vor dem Zweiten Weltkrieg von 1936 bis 1938 eine Funkkaserne der Luftwaffe gebaut wurde. Auch nach Kriegsende wurden die Gebäude als Funkkaserne genutzt, jetzt unter Regie der Bundeswehr. Als in den 90-er Jahren der militärische Standort weitestgehend aufgelöst wurde, entwickelte sich das mit den leerstehenden Gebäuden zur verlassenen Geisterstadt. Das änderte sich dann 1993 , als die Häuser erstmals künstlerisch genutzt wurden. Zunächst mietete die Akademie der Bildenden Künste erste Ateliers für Kunststudenten im Haus Nr. 50 an, ein Jahr später wurde im Haus 38 eines der ersten Ateliers in Eigenregie direkt vom Bundesvermögensamt angemietet. In den folgenden Jahren gab es verschiedene Mieter, darunter weiterhin die Akademie, Künstler, die Stadt München und die Musikhochschule. Die Künstler nutzten die Räume in elf Häusern als Ateliers, so dass sich dort in der größten Phase über 350 Kunstschaffende aus 36 Nationen ansiedelten und sorgen für eine außerordentliche Spartenvielfalt. 1994: Premiere für die ersten Domagktage. Es gründen sich verschiedene gemeinnützige Kunstvereine wie der Verein für Atelierförderung und Kunstveranstaltungen, Verein für aktive Kunst- und Kulturunterstützung, Verein Interkunst, Kunstverein Domagk und Domagk Kunstunterstützung, die sich später teilweise zur Interessengemeinschaft Domagkateliers zusammenschließen. Doch sosehr sich der künstlerische Ruf auch verbreitet, das Projekt wird immer wieder von baulichen Auseinandersetzungen der sanierungsbedürftigen Gebäude begleitet. 2009 gründete sich die gemeinnützige GmbH DomagkAteliers, die im Auftrag des Kulturreferats die Ateliers betreut und mithilfe von Veranstaltungsgruppen aus den Reihen der Künstlerschaft die Planung der Ateliertage durchführt. Derzeit steht den Künstlern nur noch das von der Stadt München frisch renovierte Städtische Atelierhaus 50 mit 102 Ateliers und einem sehr schönen Veranstaltungraum – halle50 zur Verfügung. Hier finden auch während des laufenden Jahres Ausstellungen und andere Veranstaltungen statt, wie beispielsweise jeden 3. Sonntag im Monat von 15-18.00 Uhr der „Künstlersonntag". www.domagkateliers.de 

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