Der Eine hebt immer ab; der Andere kaum minder – wir schwingen mit

Jochen Schweizer & Dieter Nuhr: Zwei Autoren zeigen uns die Welt


Der Rezensent hat binnen drei Tagen zwei Bücher gelesen, die ihm gefallen haben – jedes auf seine Art. Abwechselnd jeweils 50 Seiten hintereinander haben mich manchmal in Versuchung gebracht, die Werke miteinander zu vergleichen, seien sie vom äußeren Anschein oder gar Anspruch her noch so unterschiedlich. Beiden gemeinsam ist, dass sie mich dazu verleiten, eine Reise zu unternehmen. Der Eine – Jochen Schweizer (JS) – schildert mir größtenteils chronologisch seinen Werdegang und eine wichtige Botschaft. Der Andere – Dieter Nuhr (DN) erteilt mir schlaue Ratschläge, die ich annehmen oder ausschlagen kann, denn das ist ihm (FAST) ziemlich egal. Vielleicht ist es hier bereits angebracht, die jeweiligen Titel der literarischen Erzeugnisse zu nennen. JS, der bei uns unter Anderem das Bungeespringen eingeführt und populär gemacht hat, nennt sein Buch gegen anfängliche Widerstände des Verlages „Warum Menschen fliegen können müssen", erschienen letztes Jahr im riva Verlag, www.rivaverlag.de.BSJochen-Schweizer-Autobiografie Cover-final 100803 DN hat seinem Machwerk das klare Leitmotiv „Der ultimative Ratgeber für Alles" vorangestellt, Bastei Lübbe 2011, www.luebbe.de. Beide sind mit gut 300 Seiten in etwa gleich lang und ermangeln eines erklärenden Untertitels. Sofort nach Beginn der Lektüre hören wir auf zu rätseln, in welche „abgründigen Gefilde" wir uns begeben haben. Denn die Autoren sind stets bemüht, uns über die Gründe ihres Schaffens wortreich und durchaus unterhaltsam Auskunft zu erteilen. Sie ziehen uns in einen filmähnlichen Bann (JS), der uns Höhen und Tiefen des Protagonisten in praller Ehrlichkeit (JS) miterleben lässt. DN führt die Leser in ihr authentisches Reich des eigenen Gelingens oder doch eher des Scheiterns – hier ist Selbsterkenntnis Trumpf – wir akzeptieren zähneknirschend oder galgenhumoristisch. Gleich zu Beginn teilt uns JS ein selbstinitiiertes Schlüsselerlebnis mit, das ihm buchstäblich den ersten Kick im Alter von 15 Jahren vermittelt hat. In seiner Heimatstadt Heidelberg balanciert er auf der Brüstung einer Autobahnbrücke, „...der Auftakt zu einem aufregenden und intensiven Leben....’Ich dachte, dass meine Höhenangst verschwindet, wenn ich nur lange genug da oben stehe’, sagt er Stunden später den Polizisten, die ihn schließlich vom Geländer geholt haben. Eine radikale Methode. Aber sie hat funktioniert." Inzwischen sieht er es als "Berufung"  an, Menschen dazu zu verhelfen, außergewöhnliche Wagnisse zu meistern, "...(außerdem) nimmt die Erinnerung an positiv bewältigte Herausforderungen die Angst vor der Zukunft." Es geht ihm darum, Vertrauen zu sich selbst aufzubauen, wie das im grauen Alltag eher schwierig zu bewerkstelligen sei.
Auch DN hat zur Willensbildung und Wahl der Existenzausrichtung aufgrund ureigener Anlagen wichtige Einsichten beizutragen: „Menschliche Berufe spiegeln oft den Charakter der Menschen wider, die sie ausüben. Zahnärzte sind Fummler. Rechthaber werden Pysiklehrer. Verhaltensauffällige gehen zum Fernsehen. Und unheilbar Gestörte enden in der Anstalt – als Pychoanalytiker."
JS lässt uns an seinen packenden Leidenschaften teilhaben, allen voran seine Motorradtour durch die Wüsten Afrikas als junger Wilder, alpines Kajakfahren in schwerem Wildwasser, Fallschirm- und Bungeesprünge, oft in Kombination, von Fernsehtürmen herab oder aus dem Flugzeug. Vom Stuntman zum Unternehmer avanciert er und gründet eine GmbH, die ganz auf seiner Erfahrung und dem Ausprobieren innovativer Nervenkitzel basiert – jede/r soll mitmachen dürfen. „Bei meinen Events versuche ich zweierlei zusammenzuführen: zeitgemäße modernste Spitzentechnologie und höchste Perfektion in der Organisation mit dem Ursprünglichsten, was wir haben – dem menschlichen Körper...Ich versuche, den Menschen wieder ins Zentrum der Wahrnehmung rücken."
Dieter Nuhr Buchcover

Dieter Nuhr Buchcover

Foto: Tom Wagner

Darin tobt sich auch DN aus, indem er sich und seinen Mitmenschen die wirklich wichtigen Themen vorsetzt, wobei hier deutliche Anklänge an Woody Allen zu vernehmen sind:
„Zu den grundsätzlich-existentiellen Streitfragen, die es in einem ultimativen Ratgeber zu klären gilt, gehören die Fragen: Was soll ich tun? Wer zahlt? Und: kann ich noch fahren?" Sie dürfen fest darauf vertrauen, dass es für alles eine Antwort gibt, und zwar auf Seite 242.
JS hat sich an einem sehr berührenden Wendepunkt seiner Karriere mit der Vergänglichkeit allen Schaffens auseinandersetzen müssen. Trotz der Beachtung aller von ihm maßgeblich miteingeführten TÜV-Prüfungen und der vorbildlichen Betreuung seiner Crew kam im Juli 2003 ein junger Mann bei einem Bungeesprung in Dortmund durch ein abgerissenes Seil zu Tode. Abgesehen von der unglaublichen seelischen Belastung des Unternehmers hat dieser erschütternden Unfall fast zum Konkurs seiner Firma geführt:
„Ein Absturz aus den höchsten Höhen des Erfolges hinab in die Hölle. Ein Weg, der mich einmal durchs Fegefeuer führt – und wieder zurück. Ich ziehe aus diesem Unglück die Lehre der unternehmerischen Verantwortung, welche nie endet, sondern immer nur weiter zu wachsen hat. Und dass nach einem solchen Unfall nichts wieder gut wird, selbst nicht im Erfolg."
Bei allem Wortwitz erwischen wir DN immer wieder bei Reflektionen, die uns nur allzu vertraut erscheinen. So sind zum Bespiel seitenlange Betrachtungen dem Stellenwert der Religion gewidmet, ein Gegenstand dem DN eher skeptisch gegenübersteht. Und der ganz alltägliche Umgang mit der so menschlichen Illusionierung einer Welt, die uns nicht genug ist:
„Weil die Gegenwart in ihrer Gnadenlosigkeit real ist, fokussiert der Selbstbetrug häufig auf Vergangenheit und Zukunft. Man glaubt an die gute alte Zeit oder an das Paradies in der Zukunft, das jenen verwehrt sein wird, die böse waren: die Politesse, der Vorgesetzte, die Lehrer, der Feldwebel, die Nachbarn oder der Rottweiler von nebenan."
Und so oder ähnlich oder ganz anders machen wir bewusst oder entrückt weiter und drehen unsere Lebensrunden ab. Wir räsonieren mit DN über den Sinn allen Seins, oder lassen uns von JS mit Eventgeschenken begeistern, die unvergessliche Momente bescheren.
In beiden Fällen rate ich allerdings zur Lektüre – sie ist nicht überlebenswichtig, aber –bereichernd.

 Jochen Schweizer Active Chairman der Jochen Schweizer-Unternehmensgruppe

Jochen Schweizer, Träumer und Unternehmer

Foto: jochen-schweizer.de

About Jochen Schweizer:

Jochen Schweizer, geboren 1957 in Heidelberg, war schon in seiner Jugend ein Wildfang. Im Kajak befuhr er die extremsten Flüsse Europas, mit dem Motorrad durchquerte er Afrika und drehte als Stuntman Actionfilme mit Willy Bogner. Für den Film Fire, Ice and Dynamite stürzte er sich von einem 220 Meter hohen Staudamm in die Tiefe. 1985 gründete er seine eigene Actionmarketingagentur und etablierte das Bungeejumping in Deutschland.
Bis heute sind mehr als eine halbe Millionen Menschen bei Jochen Schweizer Bungee gesprungen. Im Jahr 2003, nach einem tödlichen Unfall, geriet Jochen Schweizer  in eine tiefe Krise. Nach Monaten der Verzweiflung fand Schweizer ins Leben zurück. Er begann, seine Abenteuer-Erlebnisse als Geschenke zu verkaufen.
Heute beschäftigt seine Unternehmensgruppe rund 300 Mitarbeiter und bietet mehr als 1000 Erlebnisse:  Fallschirmspringen, Husky-Touren, Fliegen im Windkanal, aber auch Dinner in the Dark, Fotoshooting, Romantik-Wochenenden – zum Verschenken oder selbst erleben. Jochen Schweizer hat zwei Söhne und lebt in München.


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About Dieter Nuhr:

Dieter Nuhr studierte Kunst und Geschichte. Seit 1994 ist er mit seinen Soloprogrammen in ganz Deutschland auf Tour. Seine Vorstellungen sind durchweg ausverkauft. Er ist der einzige Künstler, der sowohl den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Kabarett als auch den Deutschen Comedypreis gewonnen hat. 
Die letzten drei Bühnenshows von Dieter Nuhr („ICH BIN’S NUHR", „NUHR DIE WAHRHEIT", NUHR DIE REUE") sind die erfolgreichsten deutschen Kabarettprogramme aller Zeiten.



Text: Andreas Radau
Fotos: www.jochen-schweizer.de / Jochen Schweizer Unternehmensgruppe
Foto Dieter Nuhr: Tom Wagner und www.nuhr.de

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