Boulevard Schwan Fotograf zeigt seine schönsten Venetien Bilder

"WER AM MARKUSPLATZ SEIN HERZ NICHT SCHLAGEN FÜHLT, DER HAT KEINES"


20110306 189Venedig – La Serenissima: Schauplatz wundervoller Liebesfilme, schauriger Mordgeschichten und phantastischer Urlaube. Aber nicht erst seit Donna Leons Beststeller-Krimis um Commissario Brunetti ist die Hauptstadt der Provinz Venetien in aller Munde, schon Jahrhunderte zuvor wurde die geheimnisvolle Lagunenstadt angehimmelt, abgemalt, angedichtet, besungen, verflucht und gepriesen. Von Friedrich Grillparzer zum Beispiel, der das Zitat für unsere Überschrift lieferte. Auch der Münchner Star-Fotograf Werner Lee Grawe ist vom venezianischen „Bazillus" befallen und reist schon seit 30 Jahren in die Stadt der Gondeln – und des Karnevals. „Es ist immer wieder ein Abenteuer, denn die Stadt wird an diesen Tagen zu einem wahren Tollhaus", schildert er seine Erlebnisse und stellt Boulevard Schwan seine schönsten und poetischsten Momentaufnahmen vom weltberühmten Carnevale di Venezia zur Verfügung.20110306 908 600x600 100KB   

Werner Lee Grawe erzählt weiter: „Die Kostüme und Masken jedoch sind einzigartig und immer wundervoll. In diesem Jahr wurde zum ersten Mal das Zentrum von Venedig polizeilich gesperrt, da die Menschenmassen einfach zu viel waren. Sein Hotel sollte man mindestens ein Jahr zuvor gebucht haben, sonst sieht es schlecht aus, und die Preise verdreifachen sich.

Richtig schön und magisch wird es am Abend nach 20 Uhr, wenn die meisten Touristen Venedig verlassen haben. Dann wirkt die Stadt noch unwirklicher, und man fühlt sich Jahrhunderte zurückversetzt. Wenn man durch die Straßen geht, hat man das Gefühl, Tausende von Augen würden einen beobachten, und hinter jeder Ecke lauerte ein Kobold oder eine magische Gestalt. Zeit und Raum werden außer Gefecht gesetzt, und man verliert völlig das Zeitgefühl. Man könnte glauben, durch ein Zeitfenster in der Vergangenheit gelandet zu sein und dass man sich im Gewirr der Gassen vollends verlieren könnte – erst wenn man sein Hotel wieder gefunden hat, fühlt man sich wieder im Hier & Jetzt.

20110306 406Am frühen Morgen verleiht der Nebel Venedig eine magische Aura, aber wenn die Sonne dann am Himmel steht, sind auch die Schattengestalten verbannt. Venedig – entweder man liebt es oder man hasst es. ICH LIEBE ES!" 

Mittlerweile zählt Venedig zum Weltkulturerbe, wirkt noch immer auf Künstler inspirierend und lockt pro Jahr etwa 14 Millionen Touristen an, mehr als Rom. Aber Gott sei Dank nicht alle auf einmal, denn dann würde die Stadt mit ihren über 250.000 Einwohnern endgültig aus den Nähten platzen. Egal, ob zum Heiraten, zum Bücherschreiben, zum Handel wie vor 600 Jahren, oder nur so zum Gucken, die Stadt der 175 Kanäle war schon immer eine Reise wert. Erst recht zum Karneval. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts faszinierte das ausgelassene Maskentreiben den englischen Dichter und Journalisten Joseph Addison, der in die Zeitungsgeschichte als Mitbegründer des ersten - damals noch literarischen - Klatschmagazins „Tatler" und der populären Zeitung „Spectator" einging. Über  Venedig ließ er sich damals aus: „Vom Karneval in Venedig ist überall die Rede. Die größte Zerstreuung bietet zu dieser Zeit hier die Maskierung. 20110306 110Die Venezianer lieben es, sich in die Massen und Vergnügungen derartiger Anlässe zu stürzen und dabei ihre Identität hinter Vermummungen zu verbergen. Diese Verkleidungen eröffnen jede Gelegenheit für eine Unmenge an Liebesabenteuern, denn die Amouren von Venedig sind intrigenreicher als in irgendeinem anderen Land." Das reiche Venedig jedenfalls war nicht nur europäisches Zentrum des Handels, sondern auch des Vergnügens, der Feste und der Liebe. Die Vorläufer dazu waren - nicht nur in Venedig - antike Maskenfeste, die im römischen Imperium als Fest zur Jahreswende besonders ausgelassen gefeiert wurden. Venedig kennt den Karneval seit ihres Bestehens, also seit 421 n.Chr. Eine lange Zeit damals, denn die Feiern begannen am 26. Dezember und endeten am Aschermittwoch, auch wenn es mit den Jahren immer wieder zu heftigen Protesten der Kirche und Verboten vom Senat kam. Die Venezianer reagierten auf ihre Art: Niemand hielt sich daran. Im Gegenteil, es wird von Ausschweifungen aller Art berichtet, von Männern, die als Frauen verkleidet in Klöster eindrangen und dort allerlei „Schamlosigkeiten" trieben. Die Vermummungen waren klassisch: wilder Mann, Teufel, geschwärzte Gesichter und eben Männer in Frauenmasken. 20110306 173

Im 16. Jahrhundert waren dann fantastische Kostüme aus dem Reich der Mythologie hip. Und ein Jahrhundert später lief der Karneval noch über den Aschermittwoch hinaus und wurde bei allen möglichen Anlässen – Jahresfesten, politischen Manifestationen, öffentlichen Amtseinführungen und Staatsbesuchen – immer wieder fröhlich gefeiert. Auch Verkleidungen aus der Commedia dell’arte mit den traditionellen Charakteren wurden übernommen, bis Venedig schließlich untrennbar mit der klassischen, wunderschön bemalten Maske verbunden war. Etwa ab dem 18. Jahrhundert hatte die Stadt eine neue Einnahmequelle entdeckt: den Tourismus. Er verhalf dem Senat zum prallen Stadtsäckel und gab so manchem Bewohner einen neuen Beruf. Als dann Napoleon 1797 Venedig eroberte, ging mit der Republik auch der Karneval unter. Aber wie oft wurde der Stadt, die später eine Zeitlang zu Österreich gehörte, schon der Tod prophezeit. WERNERVielleicht ist auch das das Geheimnis ihres morbiden Charmes. Wie dem auch sei, ob Karneval oder nicht, Venedig fasziniert immer. Das fand ja auch Friedrich Grillparzer und notierte vor ungefähr 250 Jahren seine Eindrücke in einem Tagebuch: „Dieser Palast des Dogen, ein Bild der Republik und der Stadt, mit seinem unförmlichen Körper auf den Stützen wunderlicher Säulen und Bögen ruhend, vereinend die Starrheit in seinen ungefügen, unbeworfenen Wänden mit aller Zierlichkeit der Kunst in seinen Arkaden und Zinnen... was da beschlossen wird, denkt man, muss geheimnisvoll sein und klug und unerschütterlich und hart. Wie die Rätsel sieht er aus, dieser Palast, und scheint Rätsel zu beherbergen. Noch einmal: Wer am Markusplatz sein Herz nicht schlagen fühlt, der hat keines."

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