„Der Tag, an dem ich beschloss, meinen Mann zu dressieren“ – das neue Buch von Katja Kessler

Es kesslert wieder – Männer, nehmt Euch in Acht!

Portrait Katja Kessler Pusteblume300dpiNa klar offenbart sich dem neugierigen Leser zwischen den Zeilen eine „abgründige" Liebesgeschichte. Nicht jede/r vermag mal eben so in die Rolle einer vierfachen Mutter plus...naja, das kommt ja noch...zu schlüpfen...und lachen einfach los. Menschen in ähnlichen Konstellationsdramen mögen einige nützliche Fingerzeige gern aufnehmen wie: „Sie ist kleinkariert! Zum Kindergeburtstag mit anschließender Übernachtungsparty will sie nicht mehr als siebzehn Gäste zulassen!"
Katja Kessler hat mit ihrem neuen Buch einen höchst amüsanten Ratgeber geschrieben, der sich auf über 330 Seiten den alltäglichen Vorkommnissen einer Großfamilie widmet und ein besonderes Augenmerk auf den „Familienvorstand" richtet – „Der Tag, an dem ich beschloss, meinen Mann zu dressieren", erschienen im Diana Verlag, München.
So lautet zwar der lakonische Titel, doch wird er der Komplexität des nahezu filmisch aufbereiteten Erzählflusses mit all seinen so „gewöhnlichen" und gleichzeitig subjektiven Beobachtungen nicht vollständig gerecht. Ein großes Spektrum an zuweilen philosophischen, doch stets unterhaltsamen Betrachtungen über das Familiendasein an sich und dem facettenreichen Ablauf des eigenwilligen Lebenslaufes der Autorin wird hier ausgebreitet.
Ach – wie langweilig das klingt! Lassen wir lieber die Verfasserin folgender nachdenklich stimmender Zeilen zu Wort kommen:
"Du Katja, wie machst du das bloß?", fragen mich viele Wieder- oder Noch-Immer-Singles....Schatzi (wer wohl?) gibt sich redlich Mühe, der Mann zu werden, der zu sein er vor der Hochzeit behauptet hat. Er weiß mittlerweile, dass eine normale Frau im Laufe des Tages ganz unterschiedliche Töne und Geräusche von sich gibt, von Forschern zusammenfassend ‚Sprache’ genannt."
Eine echte Erziehung des Ehemannes zielt naturgemäß auf ein ergebnisorientiertes Verfahren ab, und so verrät uns die leidenschaftliche Gattin ihren Übergang von Theorie zur Praxis:
„Dazu werde ich im Kreise von hundertzwanzig Freunden sowie meinen Schwiegereltern feierlich den Satz sagen: ’Schatzi, ich liebe dich!’ Er soll dann erraten, was ich meine. Zur Konzentrationsförderung und um ein Scheitern zu vermeiden, bekommt sein bester Freund Lars vorher noch Hausverbot. Außerdem verstecke ich die Fernbedienung..."
Dr. Katja Kessler – jawoll, auch noch promovierte Zahnärztin – und seit 11 Jahren mit Kai Diekmann verheiratet, dem seit zehn Jahren amtierenden Chefredakteur einer prominenten Tageszeitung, hat so Einiges zu gesellschaftlich mittlerweile akzeptierten Themen zu erzählen, wie Eheschließung und -erhaltung, Zeugung und Aufzucht des Nachwuchses, Klassifizierung der Männer-  und Kindercharakterisierung. Liest sich schon wieder so öde – lieber ein kleines Interview einfügen?
Bitteschön, dreizehn Fragen an die Autorin:  
1.Wie ist die Idee entstanden?
Katja Kessler: „Nach zehn Jahren an der Ehefront beherrsche ich den einen oder anderen Trick, wie ich meinen Mann dahin bugsiere, wo ich ihn hinhaben will. Dieses Wissen möchte ich jetzt teilen. Ein Trick ist zum Beispiel: loben. Nicht auf den 75 % herumreiten, die er beim Einkaufen vergisst, sondern die 25 % highlighten, die er richtig mitgebracht hat."
Sicher sieht sie eine weitere Begründung für die Stabilität ihrer Ehe in den Gemeinsamkeiten, zum Beispiel der Besserwisserei. Ebenso trägt eine bereitwillige Unterordnung zum Glück bei, wie zum Beispiel bei VIP-Veranstaltungen: „Mir als amtierender Begleit-Ehefrau kommt dabei die Rolle des Bonusmaterials zu. Beziehungsweise die der Sättigungsbeilage am Schnitzel...Ich liebe diese Rolle!"
2. Wie kann Mann/Frau sich Ihre Arbeitsweise vorstellen?
Katja Kessler: „Ich habe das Glück - oder Pech, wenn man so will -, dass mein Mann abends viel unterwegs ist. So stehe ich immer wieder vor der Entscheidung: Kids im Bett, setze ich mich jetzt mit einer Pralinenmischung auf die Couch? Oder fange ich an zu bügeln? Meist entscheide ich mich dann für den Computer."
Dies hat allerdings auch negative Begleiterscheinungen in ihrem Umfeld, mit denen sie sich in einem Abschnitt über Freundschaften auseinandersetzt:
„Kürzlich habe ich festgestellt, dass ich gar keine Freundinnen habe. Jedenfalls keine, die ich anrufen könnte, damit sie sich mal zünftig
mit mir betrinken. Das mag daran liegen, dass ich hundert Tage am Stück meinen Computer bezärtel und betüddel. Um dann am hunderteinsten Tag mit Huhu aus der Versenkung aufzutauchen und abzufragen, wer mich noch lieb hat.
Antwort: keine. Oder doch, eine. Nein, zwei. Äh, drei.”
3. Kommen die Anregungen rein aus Ihrem Alltag, oder gehört viel Recherche dazu?
Katja Kessler: „Ich schreibe ja über das Leben als Frau, Ehefrau und Mutter. Da passiert ständig was! Gestern zum Beispiel hat sich meine zweieinhalbjährige Tochter Lilly ins Bad geschlichen und mit einem blauen Porzellanmalstift die Wände verziert. Dann kam sie stolz angelaufen und rief: „Guck mal, Mama, hab malla malla gemacht!!"
4. Ist mit dem Buch eine klassische "Botschaft" verbunden, oder/und steht der Lesespaß samt seiner Einsichten im Vordergrund?
Katja Kessler: „Na klar, ich bin selbsternannte Abgeordnete in Sachen ‚Optimiertes Zusammenleben von Mann und Frau’. Mein Mann und ich zum Beispiel haben einen Lieblingsdialog; den führen wir jetzt seit zehn Jahren, und mit dem könnten wir im Kabarett auftreten. Er kommt ins Hotelzimmer und sagt: „Uih, hier ist es ja stickig und warm!" Und ich komme in dasselbe Hotelzimmer und sage: „Oh wie kalt!" Und dann geht er zum Fenster und macht es auf. Da fragt man sich doch als Frau: Haben wir jetzt gerade eigentlich miteinander geredet?
Gleichzeitig möchte ich uns Frauen und Müttern zurufen: Entspannt Euch und lacht! Es stimmt nämlich der Satz, den Marlene Dietrich seinerzeit sagte: „Da lernst du deinen Mann kennen, und dann erziehst du an ihm rum. Und wenn er so ist, wie du ihn möchtest, magst du ihn nicht mehr."
5. Wie hoch ist der Stellenwert des Humors, insbesondere der Selbstironie in Ihrem Leben?
Katja Kessler: „Lachen ist das beste Pflaster für wunde Frauenseelen!
Wissen Sie? Wir sind ja von natur aus Defizitverwalterinnen. Wir gehen ins Bett und zählen uns vorm Einschlafen noch mal schnell auf, was wir alles nicht geschafft haben. Und dann ist es ganz gut, sich wie durch eine Kamera einmal selbst zu beobachten und zu fragen: Was tue ich hier eigentlich. Da wird einem die ganze Skurrilität klar."
6. Zeitmanagement für das Projekt angesichts von vier Kindern und öffentlicher Termine - wie wird das von Ihnen gehandelt?
Katja Kesser: „Ich bin generalsstabsmäßig organisiert: Morgens werden bei uns im Akkord Schulbrote geschmiert. Und ich erreiche mittlerweile Bestzeiten, wenn’s drum geht, aus einem Haufen knüddeliger Trocknerwäsche die Socke zu finden, die meine Tochter für Sport braucht. Und wenn mein Mann und ich abends auf dem Weg zu einer Veranstaltung sind, komme ich zum Nägellackieren und Strumpfhoseanziehen oft erst im Auto. 
Cover Katja Kessler Der Tag an dem ich beschloss..
7. Wer hilft außer Mutti und Ela noch daheim?
Katja Kessler: „Ich habe das große Glück - ein Gottesgeschenk -, dass meine Mutter bei uns wohnt. Und mir nach Kräften hilft Und das vielleicht noch größere Glück ist, dass sie sich auch prächtig mit meinem Mann versteht. So gut so gar, dass ich mich manchmal frage: Machen die beiden eigentlich gerade gemeinsame Sache gegen mich?
Wir sind ein echter, bewegter, schwungvoller Drei-Generationen-Haushalt."
Das unterstreicht sie sehr anrührend in einem eigenen Kapitel und mehreren Stellen, die sie der Omi widmet:
„Was ich Dir zu wenig zeig und zu selten sag – wie wahrscheinlich
jede Tochter dieser Welt? Was ich Dir hier jetzt einfach mal unter Zeugen schreiben muss?
Ich hab Dich UNENDLICH-UNHEIMLICH-UNGLAUBLICH lieb!”
8. Wie steht es wirklich um Ihre Kochkunst?
Katja Kessler: „Ich koche nur noch für meine Kinder. Und die sind anspruchslos: Spiegeleier und Nudeln mit Ketchup."
Schatzi zu bewirten scheint sie also früh aufgegeben zu haben:
„Zu Beginn unserer Beziehung konnte ich noch große abendliche Überraschungserfolge feiern mit Spirelli-Nudeln, geschnitzelten Dosenwürstchen, viel Ketchup und reichlich Rama.
Mittlerweile aber sitzt Schatzi einfach nur noch da, hängende Ohren und traurige Augen wie ein Basset, und guckt fragend auf sein Näpfchen.”
9. Wie fühlt sich Potsdam im Vergleich zu Ihrem bisherigen Leben in Norddeutschland - Kiel, Hamburg und Provinz - an?
Katja Kessler: „Großartig! Ich habe neue Hobbies für mich entdeckt. Ich bin jetzt eine dieser Sportmuttis, die einmal die Woche joggen geht. Aber hier gibt es so tolle Parks, da ist das Laufen fast Pflicht! Und ich habe meine Liebe zur Gartenarbeit entdeckt. Nur mit diesen blöden Nacktschnecken, die immer meine Hortensien wegbeißen, konnte ich noch keinen Frieden machen."
10. Nennen mir bitte Ihren Bezug zu München? Mögen Sie München? Wenn ja, was daran?
Katja Kessler: „Ich liebe München! München hat uns Frauen das Oktoberfest und die Schubs-hoch-Dirndl geschenkt. Sprich: Einmal im Jahr können Frauen wie ich mit A-Körbchen dem Gefühl nachspüren, wie es ist, ein B zu sein."
11. Die Autorin widmet ein ausführliches Kapitel ihres Buches den aus ihrer Sichtweise ironisch gebrochenen, „klassischen" Ausprägungen der Mutterrolle, wie etwa die Rudel-, die Generalsstab, die Piepsmaus-, Heile-Welt-, oder die Tussi-Mutti. Inwieweit entsprechen Ihnen die aufgezählten Muttertypen - von allem etwas vermutlich?
Katja Kessler: „Ich bin alle Mutti-Typen zusammen. Ich bin die Rabenmutti, die geschminkt auf den Spielplatz geht. Und ich bin auch die Schleimmutti, die ein Amulett um den Hals trägt: Rechts das Bild vom eigenen Kind und links das der Klassenlehrerin. Ich kenne sie alle. Aber irgendwann, das war nach dem dritten Kind, habe ich mich ein wenig ausgeklinkt aus der Mütter-Ideologie. Seitdem gehe ich bekennend mit gekauftem Kuchen zum Kita-Fest. Früher habe ich da immer noch die Streusel runtergefummelt, damit er aussieht wie selbstgebackener."
12. Existiert vielleicht ein Autoren-Wettbewerb mit Ihrem Angetrauten?
Katja Kessler: „Herr Diekmann schreibt ja nicht! Der krickelt immer nur mit grünem Korrektoren-Stift irgendwelche Kommentare oder Fragezeichen unter meine Texte. Von wegen: Einstieg langweilig. Oder: Was meinst Du damit?"
13. Inwieweit "befruchten" sich die (Ehe-)Partner literarisch?
Katja Kessler: Ich muss ja sagen: Gäb’s meinen Mann nicht, gäb’s auch meine Bücher nicht. Zum einen, weil ich dann niemanden hätte, den ich ein bisschen necken und aufziehen könnte und der mir immer wieder Stoff für neue schöne Geschichtchen rund ums Männersein liefern würde. Aber auch, weil ich in ihm einen Menschen gefunden habe, der mich hundert Prozent supportet."

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Das Buch ist graphisch bemerkenswert apart und locker aufbereitet und besteht aus 21 Kolumnen. Es bietet sich also an, sich eine tägliche Dosis zu geben, oder, wie der (übrigens kinderlose und unverheiratete Redakteur), es zum Beispiel in zwei Sitzungen zu genießen.
Wie dem auch sei – es lohnt sich!


Text: Andreas Radau
Fotos: privat/Holde Schneider (Katja Kessler mit Pusteblume)


About Katja Kessler:
Dr. Katja Kessler, 1969 in Kiel geboren, ist Zahnärztin. Dem Bohren zog sie allerdings die BILD-Zeitung vor. Vier Jahre lang war sie hier Gesellschafts-kolumnistin, schrieb die beiden erfolgreichen Dieter-Bohlen-Biografien. Ihr erster Roman Herztöne landete ebenso auf der Spiegel-Bestsellerliste wie die Kurzgeschichtensammlung „Frag mich Schatz, ich weiß es besser" und der Schwangerschaftsratgeber „Das Mami-Buch", das mittlerweile in acht Sprachen übersetzt wurde. Katja Kessler lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Potsdam. Ihre Arbeiten wurden unter anderem ausgezeichnet mit der Goldenen Feder, dem Preis für Lebensfreude sowie dem Leading Ladies Award.

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