Jugendreporter Raphael in action:

Schlittern im Schlitterclub

Der Kessel by night. Foto: Schlitterclub Hubertusbrunnen. Foto: Schlitterclub Der Schlitterclub-Waggon. Foto: Schlitterclub  

Den Tipp mit dem Waisenhauskessel bekamen wir von unserem Nachbarn. Er ist im Stadtteil Nymphenburg aufgewachsen und kennt sich dort super aus. So fuhren wir also Mitte der Woche abends zum Nymphenburger Kanal an der Waisenhausstraße, direkt am Hubertusbrunnen. Hier treffen wir die Betreiber vom Schlitterclub - Andreas Seifert und Martin Heidemann - in dem aufgepeppten Originalwaggon aus den Fünfziger Jahren. Denn bereits damals gab es die Eisfläche, allerdings war sie viel kleiner als heute. Auf meine Frage hin, wie alt denn die beiden seien, antworten sie: 40plus. Aha. Seit elf Jahren unterhalten sie die fußballfeldgroße Eisfläche. Einen Euro kostet der Eintritt für Kinder, für die Erwachsenen drei. Geöffnet ist von 10 bis 22 Uhr. Einen Schlittschuh-Verleih gibt es auch. Wenn, ja wenn, das Barometer zehn Grad unter Null sinkt. Nicht viele Tage im Jahr. Heuer waren es bislang fünf, erfahre ich. An sonnigen Wintersonntagen sind bis zu 1.500 Leuten da, und auch heute abend ist es proppevoll. Schlittschuhlaufen und Eishockeyspielen im Dunkeln, das ist mal gaaanz was anderes. 

Anfänglich ist es ganz komisch auf dem Eis, ich fühle mich irgendwie wackelig, war noch nie zuvor auf einem Natureis, immer nur im Stadion. Ist aber viel schöner und ursprünglicher. Auch wenn es mich mit meinen neuen Ice scates immer wieder hinhaut. Zu diesem Thema gibt der große Eiskunstläufer Manfred Schnelldorfer weiter unten wertvollen input  ...


                           Eisprofi Manfred Schnelldorfer. Foto: privat    Jugendreporter Raphael. Foto: Dimitri Davies    Auch Redaktionshund Timo darf aufs Eis! Foto: Dimitri Davies 

Beim Schlitterclub ist eigentlich fast alles erlaubt: Eine Frau schlittert mit einem Kinderwagen übers Eis, am anderen Ende wird Eishockey gespielt, da kann jeder, der einen eigenen Schläger dabei hat, einfach hin. Auch ich frage: „Kann ich mitspielen?" Und prompt lassen mich Leon und die anderen Jungs ins Mittelfeld. Ein Mann schiebt auf Schlittschuhen sein Mountainbike über den zugefrorenen Kanal. Neue Sportart? Oder will er nur eine Abkürzung nehmen? Kleinere Kinder – brav mit Helm ausgerüstet, wie es sich gehört –  rutschen wild herum. Ein Daddy zieht seine johlenden Kids mit einem Schlitten über die Fläche. Drei ältere Damen tänzeln Arm in Arm fröhlich dahin. Peter und Sepp  aber sitzen lieber auf der Bank und trinken Glühwein. Sie haben gehört, dass hier auch ein Singletreff sein soll. Aber, wo sind die Frauen? Ich frage Martin. Er bestätigt mir, dass sich hier viele Alleinstehende übers Internet verabreden. Andreas „Andi" säubert in der Zwischenzeit das Eis mit einer Art Rasenmäher mit großer Schaufel, den er Bahn für Bahn auf Schlittschuhen vor sich her schiebt. Gerne würde ich es auch mal probieren, aber er ist total in seine Arbeit vertieft und bemerkt mein Winken nicht. Man kann sogar Richtung Gerner Brücke scaten. Dort ist es allerdings total dunkel, und das Eis ist nicht bearbeitet und knirscht verdächtig. Lieber wieder zurück! Was mich am meisten freut: Auch Hunde dürfen aufs Eis. Unser Timo aber besser mit Leine, sonst will er immer nur den Puck fangen und zerbeißen!  Huiiiii. Ich lasse mich von ihm ziehen ...

 So sah die Eisfläche in den Fünfziger Jahren aus. Foto: Schlitterclub Andreas Sefert reinigt das Eis. Foto: Dimitri Davies Ansicht aus den Fünfzigern. Foto: Schlitterclub

Unser Nachbar, auch er hat neue Schlittschuhe, braucht eine Pause. Wir gönnen uns sehr leckere heiße Wiener. Aus den Lautsprechern ertönt ein ganz ungewöhnlicher Mix aus Oldies mit neuen Elementen. Ein bisschen Soul, ein bisschen Rock´n´Roll. Ich frage mich, was die Schlitterclub-Männer sonst noch machen? Davon können sie doch nicht leben, oder? Martin erklärt, dass er Landschaftsgärtner ist. Und Andi Konstrukteur. Jeden Morgen im Winter bangen sie, ob sie ihre Eisfläche aufmachen können oder nicht. Dann fährt Martin hin und testet das Eis. Wie das denn? Indem er ein Loch bohrt. Und die Tiefe misst. „Der Kessel ist praktisch immer die letzte Stelle am Kanal, die zufriert", erzählt er. Martin selbst läuft gar nicht Schlittschuh, Andi ist der totale Eisfreak. Abschließend frage ich sie nach ihrem Konzept. „Wir wollen die Leute glücklich machen", lautet die Antwort. Das ist schön! Inzwischen ist es wärmer geworden. Aber ich hoffe auf satte Minusgrade, schaue jeden Tag auf die Internetseite www.schlitterclub.de. Denn ich würde wahnsinnig gerne noch mal zur Eisfläche! Am liebsten tagsüber bei Sonnenschein. Guckt mal, auch nicht schlecht, oder?

 Foto: Schlitterclub Foto: Schlitterclub Foto: Schlitterclub
                          
Für diese Geschichte habe ich Manfred Schnelldorfer um Ratschläge gebeten. Schließlich ist er ein Profi. Einer, der es wissen muss. Der einzige deutsche Olympiasieger in Eiskunstlauf bis heute und Meister des Doppelaxels. Ich habe übrigens mal einen Rollerblade-Kurs bei ihm gemacht. Seither bin ich auf allen Kufen fit ... 

                      Olympiasieger Manfred Schnelldorfer. Foto: prviat    Manfred Schnelldorfer, hier beim Eislauftraining mit Kindern. Foto: privat    Manfred Schnelldorfer. Foto: privat

       
          Rein in die Schlittschuhe und rauf auf´s Eis!  Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene. Von Manfred Schnelldorfer 
  • Oberstes Gebot: schnellere Fortschritte durch bessere Ausrüstung. Denn: Geiz ist geil gilt hier nicht. Schlittschuhe sind sensible Geräte, die das Gleiten vermitteln oder vereiteln - egal, ob man sich für Kunstlauf-, Eishockey- oder Schnelllaufschlittschuhe entscheidet. 
  • Schlittschuhe sollten vor allem eines: genau passen. Bei Kindern und Jugendlichen ist das bekannte  „Hineinwachsen" diesmal nicht angesagt. Gerade als Anfänger sollt Ihr ja hautnah spüren, wie sich Eislaufen anfühlt. 
  • Auf den richtigen Schliff kommt es an. Nicht nur  beim Laufen selbst. Neue Schlittschuhe sind normalerweise wenig bis gar nicht geschliffen. Um ernste Stürze zu vermeiden und ein Gefühl für diesen Sport zu entwickeln, müssen die Schlittschuhe vorab gut geschliffen werden.
  • Warme Füße sind zwar wichtig, aber bitte nur ein Paar Sportsocken (nicht zu dick) anziehen, sonst geht das notwendige Gefühl zum Eis verloren.  
  • Empfehlenswert: ein Sicherheitshelm als Kopfschutz, besonders bei Kindern im Vorschulalter. 
  • Die besten Freunde bei Frost: warme Pullis, Hosen und Handschuhe. 
  • Bitte unbedingt beachten: neben Kunsteisbahnen nur ausdrücklich zugelassene Natureisbahnen betreten. 
  • Achtung: auf Natureis immer wachsam sein, da häufig im Eis eingefrorene Holzstückchen oder Steine den erreichten Schwung jäh beenden. 
  • Ein Wort zur Angst: Sie ist wie immer ein schlechter Ratgeber und sorgt wegen der inneren und körperlichen Verkrampfung für häufigere und schmerzhaftere Stürze. 
  • Anfänger deshalb aufgepasst: Ihr solltet möglichst sofort versuchen, frei zu stehen und nur kurz an der Umrandung Halt suchen.
  • Jetzt geht’s los, Lektion eins: keine Gehversuche! Immer versuchen, bei leichter Beugung nach vorne, mit ständiger Kniebeuge, die Oberschenkel belastend, den ganzen Körper von einem Bein auf das andere zu verlagern. Eislaufen ist ein „Einbeinsport", bei dem der Eisläufer sich immer, wenn auch oft nur kurzfristig, auf einem Bogen bewegt (geradeaus gibt’s nicht).  
  • Lektion zwei: Eure Unsicherheit könnt Ihr bald vermeiden, wenn Ihr bewusst versucht, das Eis zu belasten. Ständiges Drehen des Oberkörpers behindert das Balancegefühl. Wenn ihr unsicher seid, Euch niemals nach oben strecken und nicht die Arme hoch reißen. 
  • Ein Wort zur Hilfestellung: nicht hinter dem Anfänger, sondern direkt neben ihm laufen, eine Hand halten und unter der gegenüberliegenden Achsel unterstützen. 
  • Begleitpersonen sollten ohne Schlittschuhe das Eis nicht betreten. Das gefährdet die Läufer. An den Sohlen sind immer Schmutzreste, die dem Schliff sehr schaden. Und kleine Steinchen kommen ebenfalls auf das Eis. Wer darauf aufläuft, fällt ganz sicher sehr abrupt auf die Knie und die Nase. Den Sturz abzufangen, ist zumindest für den weniger Geübten, unmöglich. 
  • Geschafft: Wenn dann noch Musik ertönt, bewegt Euch ein wenig Rhythmus. Das kann sehr helfen. Und auf geht’s – es gibt nichts Schöneres, als auf dem Eis dahin zu gleiten ...
 

                                                                                                                                                                                       Euer Raphael  Raphael, fotografiert von Heidi Hitzbleck

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