Walter Pfau restauriert Schrotträder

DER STUDIERTE RADL-„DANDLA“

Für alle Nicht-Bayern gleich vorweg: „Dandla" ist die liebvolle bavaraseke Bezeichnung für Händler. In unserem Fall handelt es sich um den wohl Ungewöhnlichsten der Stadt. Ganz versteckt - in einem Hinterhof-Keller in Laim -  agiert Walter Pfau. Vor fünf Jahren hat sich der fast 60-Jährige sein Hobby zum Beruf gemacht. Er sammelt alte, kaputte Räder und verwandelt sie in fahrtüchtige Drahtesel mit allen Finessen. Gemeinsam mit den 12-jährigen „Fahrradtestern" Nicki und Raphael besuchen wir die Werkstatt am Willibaldplatz. Walter Pfau kniet gerade vor einem schicken Jugendbike. „Ein guter Rahmen, aber von der Schaltung bis zur Bremse war hier alles komplett defekt", verrät er. 

Hier residiert Walter Pfau   Fahrradtester Raphael & Nicki   Radl-Dadla Walter Pfau bei der Arbeit

Ein neuer Gelsattel, Gepäckträger, Griffe, Schutzbleche und Bereifung – und schon ist das Radl funktional und optisch top. Dann werden noch die verrosteten Schrauben gegen blinkende und vor allem nicht rostende -  neue ausgetauscht, alles noch mal gestestet und dann hochpoliert  – „und ist fast wieder wie neu", freut sich Walter Pfau. Zehn Stunden Arbeit inklusive. „Das macht mir großen Spaß, das ist meine Welt", fügt er hinzu. Der geborene Münchner hat  studiert und ist eigentlich Diplom-Wirtschafts-Ingenieur, danach bei der Bundesbahn als Technischer Oberinspektor tätig. Nach einigen Jahren bei MBB war er jahrelang als freier Segelsport-Journalist, etwas mehr Geld brachte ihm die Arbeit als Redakteur der Linde-Werkszeitungen. Drei sehr, sehr große Arbeitgeber und immer hat er den Bettel hingeschmissen, weil es einfach keinen Spaß gemacht hat.

Walter Pfaus größter Schatz: Sein Ersatzteillager Akribisch: Walter Pfau und noch ein letzter Check-up!

Sammelsurium aus Schaltzügen, Schrauben, Speichen, Schutzblechen, Schläuchen
Stolz zeigt uns der Profibastler sein Refugium auf 240 Quadratmetern. Mehr als 1000 Schrauben und Muttern, ein paar Hundert Reifen, Räder, Felgen, Ketten, Pumpen, Schalt- und Bremszüge, Körbe, Beläge, Gepäckträger, Klingeln, Pedale, Dynamos, Ständer, Schlösser, Ersatzteile – Walter Pfau´s Arbeitsutensilien, um den ihn jeder Fahrrad-Shop beneiden würde. Denn weggeworfen wird nichts: „Auch wenn ein Rad absolut nicht mehr zu reparieren ist, die Ersatzteile sind zum Teil  echt Gold wert, oft auch rar und werden aufgehoben".
 
Aus alt mach neu, so das Motto von Walter Pfau Fahrradtester Nicki: Das Radl nehme ich!  Happy mit dem voll funktionsfähigem Second Hand bike

Kooperation mit Hausverwaltungen
Was uns interessiert: Wie kommt Walter Pfau überhaupt an die Räder?
„Durch Mundpropagada. Viele bringen ihr altes Rad vorbei und kaufen dafür eins, das ich bereits hergerichtet habe", so die Verkaufsdevise. Darüber hinaus wird er von Hausverwaltungen in ganz München über herrenlose, defekte Velos informiert. „Aber ich erkundige mich nach Möglichkeit vorher bei der Polizei, ob die Räder nicht gestohlen sind, sonst kann es richtig Ärger geben," weiß er. Mit seinem Kleinbus düst Walter Pfau durch die Stadt und sammelt die Schrotträder ein.  Doch ob Kinder-; Jugend-; Damen-; Herrenräder, GMX-;Touring-; Trekking-; Mountain- oder City-Bikes: der Fahrrad-Doc Pfau sieht auf den ersten Blick, ob sich eine OP, äh, eine Reparatur überhaupt lohnt. „Sehen Sie das rote Conduit Fahrrad mit stabilen Rahmen und Kettenschutz, an dem musste ich nur die Reifen aufpumpen, das kann ich für 150 Euro verkaufen". 
25 Räder to go befinden sich in seiner Hinterhof-Werkstatt, 600 weitere im Lager in Schäftlarn. Dort ist jeden Sonntag Verkauf, für circa 100 Euro bekommt man funktionstüchtiges Second Hand Markenfahrrad. Inzwischen kann Walter Pfau von seinem Hobby leben, ist fast jeden Tag am schrauben, pumpen, feilen, heißfönen. „Wenn mehr Laufkundschaft vorbeikäme, würde es noch besser laufen", resümiert er.
In der Zwischenzeit hat sich der 12-jährige Nicki für ein supergünstiges lila Bike entschieden. „Kann ich es gleich mitnehmen?"  Der gewissenhafte Zweirrad-Arzt überprüft nochmals Bremsen, Luftdruck, Licht und Schaltung - und gibt für 10 Euro ein superstarkes Fahrradschloß dazu. Seine Devise: „Draufsetzen, fahren – und sich keine Sorgen machen". Und wenn mal was kaputt geht - Walter Pfau repariert es gerne ...

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