Lierre Keiths’s Antithese zu allzu strengem Vegetarismus/Verganismus, ihr Plädoyer für ganzheitliche Ernährung – Boulevard Schwan liest mit

„Ethisch essen mit Fleisch“ – provokativ und/oder begründet?!



Foto: © systemed

In Zeiten erhitzter Diskussionen über korrekte Ernährungsformen gießt die Autorin ordentlich tierisches Öl ins Feuer. Ihre Streitschrift vermag in mehrerer Hinsicht zu polarisieren – weltanschaulich, politisch, moralisch, medizinisch, ökologisch und nicht zuletzt sehr persönlich.

Dabei ist dieses Buch aus eigenem Leiden entstanden. Im Laufe von 20 Jahren gingen ihr die Gutmenschenargumente schlicht aus. Es hatte ja alles mit der klaren Bekämpfung von tierquälerischen Haltungsabarten begonnen. Sie beschloss, wie so viele, ein Zeichen zu setzen und auf Fleisch zu verzichten. Sie tat dies kund und übersetzte schließlich zum Veganismus. Mrs. Keith fühlte sich sehr wohl dabei. Doch es ging ihr zunehmend schlechter, gesundheitlich und psychisch. Vielleicht war das ernährungstechnische Element ihres Lebens doch nicht so einseitig, wie sie angenommen hatte?

Lierre Keith begann zu zweifeln. Und sich zu informieren. Sie begab sich auf eine Positionssuche, aus der langsam eine Bestimmung erwuchs. Wie steht es denn mit einer gerechten Verteilung der Ressourcen? Welche Rolle spielen die weltweiten Agrarfabriken und Monokulturen?

Schließlich fragte sie sich, ob sie nicht zumindest teilweise einem Mythos unterlegen sei. Sie gelangt zum großen Ganzen – der Frage der Welternährung schlechthin. In seinem Vorwort „Ernährung neu denken" erhellt der promovierte Ernährungswissenschaftler Wilfried Bommert:

„Es geht um lokale Kreisläufe, regionale Ökonomie, Vertrauen in unsere Lebensmittel, Sicherheit, Bodenhaftung und Nähe zu den Wurzeln unserer Existenz. Es geht um blühende Landschaften, gesunde Menschen und eine intakte Natur. Es geht Lierre Keith um eine neue Vision für unsere Essen. Mit dieser Streitschrift über die Ethik des Essens, ob nun mit oder ohne Fleisch, bringt sie uns dieser Vision ein Stück näher."

Die Autorin hat weit und fundiert ausgeholt, um sich von der eher groben und daher unzureichenden Binär-Opposition-Streitkultur ‚Fleisch oder nicht?’ in punkto Nachhaltigkeit abzuheben.

Lierre Keith trinkt heute ein Glas Milch, sie lässt sich Sonntags Eier schmecken, bisweilen sogar ein Steak. Doch trifft sie jeden Morgen eine vermeintlich leichte Entscheidung – was gibt es zum Frühstück?

Es geht ihr besser – wann denn uns?

In diesen Zeiten der hitzigen Diskussionen tut es manchmal gut, an anderer Stelle eine Glut zu entfachen, die es sich zu beobachten lohnt.


Text: Andreas Radau

Boulevard Schwan denkt über Ethisches Essen mit Fleisch (oder ohne) nach. Das Buch „Ethisch essen mit Fleisch" von Lierre Keith in kongenialer Übersetzung und Bearbeitung von Ulrike Gonder ist im systemed Verlag erschienen. 




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