Hannah Arendt – Ihr Denken veränderte die Welt, seit 10. Januar 2013 in den Kinos

Ist das Böse banal?

Der Film

Der Film

Foto: © Heimatfilm

Wie begegne ich der Herausforderung, einer der größten Philosophinnen unserer Zeitgeschichte ein filmisches Porträt  zu widmen? Einer verletzlichen Frau, Kettenqualmerin, die sich mit ihrer Clique im New York der Fünfziger und Sechziger Jahre in einer unfreiwilligen gleichwohl ge- und erlittenen Emigration einrichtet? Hannah Arendt stößt ab und zieht an, ob und wegen ihrer kompromisslosen Unabhängigkeit. Ist das der Weg, den unterschiedlich ausgeprägten, letztendlich doch immer gleichen totalitären Strömungen unserer jüngeren Vergangenheit aber auch der unmittelbaren Gegenwart in Form eines eindringlichen Kammerspiels vor laufender Kamera zu erhellen?

Ja, wenn ich keinen Vierteiler á neunzig Minuten über eine ganze Lebensspanne dieses bedeutenden jüdisch-deutschen Nicht-Opfer-Schicksales zumuten möchte.
Die Regisseurin Margarethe von Trotta hebt ihre Vorgehensweise der Erleuchtung hervor:

Die Regisseurin

Die Regisseurin

Foto: © Manfred-Breuersbrock

"Das Licht, das Hannah Arendt durch ihre Werke in die Welt gebracht hat, strahlt noch. Und es wird sogar heller. Immer mehr Menschen berufen sich auf sie: zu einer Zeit, wo viele andere sich noch einer Ideologie verpflichtet fühlten, hielt sie sich nur an ihre eigene Anschauung und Erkenntnis.” 

Ja, wenn ich einen ganz entscheidenden Einsschnitt der Vita Hannah Arendts beleuchte. Als Berichterstatterin des legendären "The New Yorker” konfrontiert sie die Leser, den Freundeszirkel und nicht zuletzt sich selbst mit der unwillkommenen Einsicht, dass der Angeklagte Nazi-Vollstrecker 
The Tribe

The Tribe

Foto: © Heimatfilm

Adolf Eichmann von höchst bürokratischer und emotionaler Durchschnittlichkeit gezeichnet zu sein scheint. 1963 liefert sie eine Artikelserie "Eichmann in Jerusalem” mit der anschließenden These der "Banalität des Bösen” ab und erntet in weiten Kreisen Schock und Unverständnis – ein echter Skandal!
Der Prozess

Der Prozess

Foto: © Heimatfilm

Ja, wenn ich exemplarisch den geistig aufrührenden, stets neue und diskursive Fragen aufwerfenden Charakter der Hannah Arendt in den Mittelpunkt rücke. Sie stellt die allgemein etablierte Monströsität des Täters zur Diskussion und leugnet eine Überhöhung eines maschinell millionenfachen, geplanten Mordes zu Lasten eines allzu willigen Mitmachers. Für die ausschließliche "Inkarnation des Bösen” taugt Eichmann ihr nicht. Kein Antisemit, kein Dämon?

Barbara Sukowa (wer sonst?) verkörpert eine stets mit sich und der Reaktion ungläubiger, unglaubwilliger Zeitgenossen provozierende Frau, der es nicht um allzu simple Begründungen geht.
"…Ihre Freunde haben über Hannah Arendt gesagt, dass sie eine unglaublich herzliche Freundin war…..Vielleicht hat sie oft nicht gemerkt, wenn sie mal besonders heftig argumentiert oder ihre Freunde verletzt hat…Auch zu ihrem Mann hatte sie eine sehr warme Beziehung…”
Der Ehemann

Der Ehemann

Foto: © Heimatfilm


Ja, sie erscheint als akribisch sich vorbereitende und doch sinnliche Persönlichkeit – zu Zeiten Heideggers, ihrem Mentor und früh verehrtem Geliebtem und später als humorvolle, herzliche Gefährtin ihres zweiten Mannes Heinrich Blücher (Axel Milberg).
Der Freund

Der Freund

Foto: © Heimatfilm


Ja, ebenso die engagierten Mitglieder des Film-Ensembles (u.a. Janet McTeer, Julia Jentsch, Ulrich Noethen, Michael Degen) helfen überzeugend, diese Eigen- und Querdenkerin eindringlich zu präsentieren – so wird die Herausforderung des Menschen und der (Vor-)Denkerin Hannah Ahrendt sehr, sehr nahezukommen, kunstgerecht pariert. 

Es ist eine Lust, ihr beim Denken zuzuschauen…
Die Assistentin

Die Assistentin

Foto: © Heimatfilm



Ist das also auch ein Frauenfilm? Oh ja, und ein verdammt Guter!


Text: Andreas Radau

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