Something in the Air (Après mai) – der preisgekrönte Film von Olivier Assayas über die Aufbruchstimmung im Paris Anfang der 70er Jahr läuft am 30. Mai 2013 an

Vive la Revolution! Und wie weiter?


On the Run

On the Run

Foto: © NFP Carole Bethuel

In Deutschland rühren wir bis heute unermüdlich in der bedeutungsschweren Diskussion über den Einfluss und Stellenwert der sogenannten 68er. In wieweit haben sie das Leben zeitnaher und nachfolgender Generationen beeinflusst, gar verändert?

Frankreich, genauer Paris hat sein 1971, genauer die Nachwirkungen und turbulente Neuauflage des Mai 1968. Es brodelt eine ähnlich rebellische Gefühlslage in der jungen Generation, genauer unter Studenten und Künstlern. Sie wollen erneut die gesamte Welt verbessern, genauer das feindlich empfundene Regime abschaffen – "…gegen den Gedanken einer Regierung. Niemand wollte einbezogen werden, der Aktionsplan sah vor, unter den Ausgegrenzten zu sein.” (Olivier Assayas
Demonstrationen hier, Verhinderung von Rudelbildung dort. Eisenstangen und Steine hier, Schlagstöcke und Rauchgranaten dort.
On Air

On Air

Foto: © NFP Carole Bethuel

Beginnt so eine weitere, semi-autobiographisch gefärbte Dokumentation dieser ereignisreichen Dekade? Der erfolgreiche französische Regisseur Olivier Assayas (u.a. "Der Schakal”) hat sich natürlich viel mehr vorgenommen und gibt der zunächst gesichtslosen Masse seine, durch eigene Erfahrungen durchdrungene Geschichte eine persönlich anmutende Dimension. Um 'Something in the Air' – Hauptdarsteller und Alter Ego 'Gilles' versuchen sich manche, seltsam diffus bleibende Charaktere herauszuschälen, denen er auf immer wieder neuen Abzweigungen an den Kreuzungen seines Lebensweges begegnet, begleitet und verlässt.

On Life

On Life

Foto: © NFP Guido Cacialli

Es gerät nun gleichermaßen gefühlig, abseits und innerhalb der politisch und intellektuellen Agitation. Sex, Drugs, Rock’n Roll und die Kunst verlangen ihre ganz eigene Schlagkraft. Brüchige Haltegriffe in anwachsender Zerissenheit.

Und l’ amour? Sie kommt und geht, wie es nunmal ihre Art ist, von einem Ort zum Anderen, gründet und zerstört wechselnde Paarbildungen - so wie Alles in Bewegung zu sein scheint. Ratlosigkeit und Desillusionierung machen sich spürbar unter den Protagonisten breit – diese verdammte Ungewissheit der angestrebten  Entgrenzung! Ja. So war sie halt, die damalige Jugend…


On Fire

On Fire

Foto: © NFP Carole Bethuel

Doch einer wird durchkommen und zu sich selbst finden, er wird Entscheidungen treffen – zunächst durch seinen individuellen Rückzug in die verhasste Bougoisie. Der zunächst aus der äußerlich und inneren Emigration zögerlich gefasste Entschluss verhilft ihm schließlich zum ersehnten wahrhaften Aufbruch. Die Einsicht in die Niederlage mündet in einen Sieg.

So erscheint ein weiteres Statement des Regisseurs nahezu kryptisch, wenn nicht kontraproduktiv: "…Die heutige Jugend lebt in einer Gegenwart ohne Gestalt. Sie existiert außerhalb der Geschichte, zyklisch und statisch. Der Gedanke, dass man etwas in der Gesellschaft bewegen, dass man ihr Wesen sogar komplett überdenken kann, ist sehr vage und gewöhnlich geworden…”   Mit seinem Oevre möchte uns der Mann anleiten, sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit zu begeben, um sie ins Jetzt zu projizieren, oder?

Die thematische Intensität eines temporär begrenzten Aufruhrs mit all seinen Irrungen und Wirrungen weicht am Ende des Films der Gewissheit, dass, wer seine eigene Initiation spurt und ernst nimmt, es schaffen kann. Wer also sein Wesen und seine Werdung komplett zu überdenken vermag, bringt es zum Beispiel zu einem anerkannten Filmregisseur und entdeckt die Malerei innovativ für sich.

"Vage und gewöhnlich” erscheinen allerdings die damals
On the Road

On the Road

Foto: © NFP Toma Baqueni

 am Wegesrand zurückgelassenen, die schwächelnden Mitstreiter – wer hilft ihnen auf? Stehen die 70er nicht auch für soziale Modelle des Beistandes?

Eine schöpferische Chance, die heutige, "statisch und zyklisch” geschichtlose Jugend mit filmischen Mitteln aufzurütteln, gelingt ‘Something in the Air’ dennoch in etlichen Szenen. Den unprätentiös und leidenschaftlich-authentisch agierenden jungen Schauspielern macht es Freude dabei zuzuschauen – Vive la revolution!

Text: Andreas Radau
Fotos: © NFP 

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